
Warum der Ruhestand mehr ist als freie Zeit
Viele Menschen freuen sich auf den Ruhestand.
Endlich mehr Zeit. Kein Termindruck mehr. Ausschlafen. Reisen. Die Enkel häufiger sehen.
Endlich Dinge tun, für die im Berufsleben kaum Zeit geblieben ist.
Und genau so erleben es viele auch.
Andere erzählen uns nach einigen Monaten etwas ganz anderes.
„Eigentlich geht es mir gut. Aber irgendetwas fehlt.“
Nicht die Zeit, sondern das Gefühl, gebraucht zu werden.
Oder eine Aufgabe, die wirklich zu ihnen passt.
Oder die Frage, wer sie eigentlich sind, wenn der Beruf nicht mehr den Alltag bestimmt.
Genau deshalb beschäftigt uns der Übergang in den Ruhestand.
Wir sind überzeugt, dass ein zufriedenes Leben nicht von allein entsteht.
Es braucht immer wieder bewusste Zeiten der Reflexion. Besonders an den Übergängen des Lebens.
Der Ruhestand ist einer dieser Übergänge.
Dabei geht es aus unserer Sicht um weit mehr als darum, den Kalender neu zu organisieren. Mit dem Ende der beruflichen Rolle verändern sich oft gleichzeitig Struktur, Anerkennung, Zugehörigkeit, Verantwortung und das Erleben von Wirksamkeit.
Viele Menschen verlieren damit nicht nur Aufgaben, sondern auch wichtige Quellen, aus denen sie über viele Jahre Sinn geschöpft haben.
Genau deshalb ist der Übergang in den Ruhestand für viele Menschen auch ein persönlicher und emotionaler Veränderungsprozess.
Der Übergang in den Ruhestand verändert mehr als den Alltag
Vier Wege, den Ruhestand zu gestalten
Genau hier haben uns zwei wissenschaftliche Perspektiven besonders inspiriert.
Die Schweizer Altersforscherin Pasqualina Perrig-Chiello beschreibt in ihrem Buch Own Your Age vier typische Wege, die Rentenzeit zu gestalten.
Manche Menschen genießen vor allem Ruhe und Entschleunigung.
Andere möchten Versäumtes nachholen, reisen oder Neues lernen.
Wieder andere engagieren sich für Familie, Nachbarschaft oder das Gemeinwohl.
Und manche arbeiten bewusst weiter, weil sie Freude daran haben oder ihre Erfahrung weiterhin einbringen möchten.
Diese vier Wege sind keine Schubladen.
Sie beschreiben unterschiedliche Schwerpunkte, die sich im Laufe der Zeit verändern und miteinander verbinden können.
Jeder Mensch gestaltet seinen Ruhestand auf seine eigene Weise.
Doch damit stellt sich eine weitere Frage.
Was einen erfüllten Ruhestand ausmacht
Was macht einen dieser Wege eigentlich erfüllend?
Genau hier setzt die Sinnforschung von Tatjana Schnell an.
Ihre Forschung zeigt, dass nicht entscheidend ist, "WIE" Menschen ihren Ruhestand gestalten.
Entscheidend ist vielmehr, woraus sie dabei Sinn schöpfen und was ihrem Leben Bedeutung gibt.
Ob Ruhe, Reisen, Engagement oder Weiterarbeit, jede dieser Lebensformen kann erfüllend sein, wenn sie zu den eigenen Werten, Bedürfnissen und Sinnquellen passt.
Sinn entsteht nicht zufällig. Er wächst dort, wo Menschen Orientierung finden, sich als wirksam erleben, sich mit ihren Werten im Einklang fühlen und sich einer Gemeinschaft zugehörig fühlen.
Gerade im Übergang in den Ruhestand gewinnen diese Fragen für viele Menschen an Bedeutung.
Deshalb reicht die Frage: „Was mache ich mit meiner Zeit?“ oft nicht aus.
Vielleicht sind die wichtigeren Fragen:
- Worauf blicke ich heute mit Dankbarkeit zurück?
- Was ist mir heute wichtiger als früher?
- Wofür möchte ich meine Zeit, meine Erfahrung und meine Kraft künftig einsetzen?
- Wie möchte ich meine neue Lebensphase gestalten?
Gerade darin sehen wir die große Chance des Ruhestands.
Für uns beginnt ein gelingender Ruhestand deshalb nicht mit der Frage, wie freie Zeit gefüllt werden kann.
Sondern mit der Frage, was Menschen auch in dieser Lebensphase erfüllt, ihnen Orientierung gibt und sie mit anderen verbindet.
Vielleicht ist genau das die eigentliche Erntezeit.
Weiterführende Literatur
Perrig-Chiello, P. (2020). Own Your Age. Stark und selbstbestimmt in der zweiten Lebenshälfte. Beltz.
Tatjana Schnell und Kilian Trotier (2025). Sinn finden. 13 Schritte in ein erfülltes Leben. Ullstein
Möchten Sie sich intensiver mit dem Übergang in den Ruhestand beschäftigen?
➡️ Erfahren Sie mehr über unser Erntezeit-Programm.
Eure
Hilde Kloster & Christine Wall-Pilgenröder
